18. Juli 2015

Determinismusstreit oder über Scheinprobleme

Eine wesentliche Kernfrage, welche die Textproduktionsroutinen des philosophischen Diskurses aufrecht erhält, ist die Frage danach, ob Subjekte einen freien Willen besitzen oder determiniert handeln. Dies kritisch zu sehen und gleichzeitig einen weiteren Text zu ebenjener Frage zu entwickeln, ist nur insofern kein performativer Widerspruch, als dass an dieser Stelle dafür plädiert werden soll, den Diskurs absterben zu lassen, um sich gedanklich gewichtigeren Problemlagen widmen zu können. Die Frage nach der Willensfreiheit und dem Determinismus kann nur sprachlogisch aufgelöst werden. In der Regel versucht man, philosophische Gedankenakrobatik gegen empirische Erkenntnisse aus der Neurologie beziehungsweise der Physik auszuspielen, wobei die Philosophie wissenschaftstheoretische und methodologische Fehler auf Seiten der naturwissenschaftlichen Forschung nachweisen will, während diese auf die universelle Gültigkeit der gewonnen Erkenntnisse hinweist, denen sich freilich auch Philosophinnen und Philosophen nicht entziehen können. Der Versuch allerdings, an der "Realität" empirisch oder in Gedankenspielen zu prüfen, ob der Wille frei ist oder nicht, muss scheitern, da man dabei ja nur kommuniziert und aus der Kommunikation auch nicht ausbrechen kann und Wille, Freiheit, Determinismus etc. letztlich nur abstrakte Begriffe sind, welche verschiedenen Regeln der semantisch sinnvollen Verwendung unterworfen sind und es schließlich nur noch darum geht, wie diese Begriffe in möglichst konsistenter Weise angeordnet werden können. Weil aber dies nicht gelingt, findet die Debatte um die Frage nach dem freien oder determinierten Willen kein Ende. Indem man Sprache in Anlehnung an Wittgenstein als ein Spiel versteht, welches einem komplexen Regelwerk folgt, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, dass das Regelwerk nicht ausschließen kann, dass sozusagen "Bugs" gefunden werden. "Bugs" in diesem Sinne meinen Spielzüge, welche nicht miteinander in Übereinstimmung gebracht werden können, Konsistenzlücken also nicht geschlossen werden können. Genau dies ist beim Determinismusstreit der Fall, was vor allem darin begründet liegt, dass man mit Sprache versucht, ein "außersprachliches" Phänomen - nämlich die Beschaffenheit des Willens - einzufangen, indem man davon ausgeht, eine wie auch immer deterministisch oder nicht-deterministisch geartete Wirklichkeit könne bestimmen, wie man zu sprechen und sich im Streit zu positionieren habe, indem man sie etwa über wissenschaftliche Erkenntnisse oder Gedankenspiele diskursiv einholt. Hinzu kommt, dass dieses diskursive Einholen gleichsam als problematisch beschrieben wird, da es schließlich - vertritt man die Position des Determinismus - kein vom Subjekt willentlich getriebenes Einholen ist, sondern der Determinismus nur durch das Subjekt hindurch spricht. Es kommen rhetorische Taschenspielertricks zur Anwendung, an denen sich Liebhaber philosophischer Scheinprobleme erfreuen mögen. Die Philosophie aber wirkt so weiter an ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit mit in Zeiten, in denen sie als Reflexionshilfe für gewichtige Probleme dringender gebraucht würde denn je.

31. Mai 2015

Trolle in der Filterblase

"[...] profiles will begin to normalize the population from which the norm is drawn. The observing will affect the observed. The system watches what you do; it fits you into a pattern; the pattern is then fed back to you in the form of options set by the pattern; the options reinforce the pattern; the cycle begins again." (Lessig, Code. Version 2.0, New York 2006)
Auf den einschlägigen Internetplattformen selegieren Algorithmen, mit welchen Sinnangeboten Nutzer in Kontakt kommen und mit welchen nicht. Die Entscheidung darüber, mit welchen Informationen, Posts, Angeboten oder Nachrichten Nutzer bei der Google-Suche, im Newsfeed bei Facebook, den Kaufvorschlägen bei Amazon, den Meldungen bei den Yahoo News etc. konfrontiert werden, hängt von vergangenem Surfverhalten ab, von ermittelten Interessen, von ideologischen Ausrichtungen und weiteren personenbezogenen Eigenschaften. Durch jene als digitale Gatekeeper fungierenden Algorithmen kann das Risiko, mit unerwünschten Informationen in Kontakt zu kommen, reduziert werden. Tatsächlich aber ist dieses Risiko eines, welches gezielt gesucht und erhöht werden sollte. Alsbald nämlich die Algorithmen zur Personalisierung eine stabile Filterblase (Pariser, The Filter Bubble, New York 2011) erschaffen haben, in welche nur noch solche Meinungen und solche Informationsbündel es schaffen, einzudringen, welche bereits dem bestehenden persönlichen Welt- und Meinungsbild entsprechen, kann dieses gleichsam nicht mehr durch neue Sinnangebote herausgefordert, reflektiert und damit möglicherweise korrigiert werden. Die Filterblase bedingt, dass Mechanismen zur Ideologie- und Weltbildkorrektur abhanden kommen. Sobald Nutzer sich in dem ideologischen Ökosystem ihrer personalisierten Webumgebung niedergelassen haben, hindern die Filtermechanismen der Personalisierungs-Algorithmen alternative Meinungsfronten und ideologische Ansichten daran, in die Filterblase eindringen zu können. Unabhängig nun von der in den Medienwissenschaften hitzig geführten Diskussion darüber, wie stark die Effekte sind, welche die Filterblase zeitigt, muss in den Blick geraten, dass es ausgerechnet Trolle sind, welche als Filterblasenherausforderer auftreten. Trolle residieren in den Filterblasen unbedarfter Internetnutzer, welche von einer gewissen entspannten Natürlichkeit der Kommunikationssituation in ihrer Blase ausgehen, und konfrontieren diese mit radikal nonkonformen Sinnangeboten. Trolling profitiert von den Filterblasen-Effekten, von der Tatsache, dass in den Kommentarspalten ideologisch gepolter Online-Milieus stets Konsens herrscht. Der Troll erzeugt radikale Dissense - und erfreut sich an den von ihm initiierten Empörungsreaktionen auf seine geäußerten Provokationen. Auf diese springt immer jemand an. 
"When you see a troll, don’t feed it", warnt jedoch bekanntlich Jarvis. "They come into online conversations solely to provoke. Respond, and you give them what they want: attention and an opportunity to keep the attack going." (Public Parts, New York 2011)
Offensichtlich jedoch ist diese gut gemeinte Warnung noch nicht handlungswirksam in die Mediennutzungspraxis durchschnittlicher Internetnutzer eingegangen. Und dies ist ja auch zu begrüßen, schließlich verlören andernfalls Trolle ihre Funktion als Akteure, welche für die Produktion radikal non-konformer Sinnangebote in der Filterblase sorgen. Trolle wissen um die Existenz personalisierter Webumgebungen. Je "heimeliger" eine solche Umgebung Internetnutzer ideologisch beherbergt, desto lohnenswerter sind sie als Angriffsziel für Trolle. Sie sind die zynischen Pädagogen des Internets.

25. Mai 2015

Skandalisierungsmechanismen und politischer Diskurs

Die Allgegenwart digitaler Aufzeichnungsgeräte, mit denen die Dokumentation von Verhalten die Form einer Totalüberwachung annehmen kann, bedingt, dass Normverletzungen oder Verfehlungen radikal exponiert werden, sofern sie nicht nur dokumentiert, sondern – was keinen großen Mehraufwand darstellt – über Verbreitungsmedien einem potentiellen Weltpublikum zur Verfügung gestellt werden. Diese Totalausleuchtung der Lebenswelt betrifft insbesondere jene Personen, welche einen hohen Bekanntheitsgrad besitzen. Problematisiert wird dies insbesondere im Kontext von Persönlichkeiten aus dem Feld der Politik. Pörksen etwa spricht von „Schonräumen der Intransparenz“ (Pörksen, Es entsteht eine grell ausgeleuchtete Welt, ein monströses Aquarium, in dem kaum noch etwas verborgen bleibt, in: Die Zeit, Nr. 8, 2015), welche erhalten bleiben müssen, damit sich Personen vom Druck des permanenten Beobachtet-, Gefilmt- und Fotografiert-Werdens erholen können. Die „mediale Überbelichtung“ der Politik hat zur Folge, dass jede noch so banale Normverletzung als „Enthüllung“ publik gemacht wird, sodass sich Politiker unter dem Druck der permanenten Skandalisierungsmaschine der Massenmedien einen Habitus aneignen, welcher durch Opportunität, Unauffälligkeit und Vagheit gekennzeichnet ist (Wilhelm, Politiker wagen sich heutzutage seltener aus der Deckung, in: Die Zeit, Nr. 10, 2015). Dies jedoch erzeugt ein politisches Handeln ohne Konfliktdimension, dabei bräuchte es in einer lebendigen Demokratie gerade „eckige“ Charaktere, es bräuchte Kontroversen und Konfrontationen (Mouffe, The Democratic Paradix, London 2000). Aufgrund der Tatsache, dass es kaum wirklich genuin politische Konflikte und Kontroversen mehr gibt, driftet der politische Diskurs wiederum in eigentümlicher Weise ab in ein permanentes Suchen nach Skandalen und moralischen Eklats. Die Presse versucht, Ereignisse, welche eigentlich keinen eigentlich politischen Charakter haben, sich aber im Kontext des politischen Geschehens abspielen, also zum Beispiele Sexskandale, Fälle von Korruption oder einfach nur Stilfehler aufzudecken und massenmedial zu verbreiten. Dabei wiederum unterstützen digitale Aufzeichnungs- und Verbreitungsmedien, welche überall verfügbar und in nahezu jeder Lebenslage einsetzbar sind. Die Konflikte, welche dann im Zusammenhang der Skandale entstehen, ersetzen gewissermaßen die eigentlichen Konflikte, welche sich um politische Themen ranken sollten. So kommt es gleichsam zu einer Zirkelbewegung, einer gegenseitigen Trendverstärkung, welche letztlich in einer breiten Politikverdrossenheit – welche jedoch mit Nichten eine Art „Skandalmüdigkeit“ ist – mündet. Nicht auszuschließen ist freilich, dass ebenfalls „echte“ Skandale aufgedeckt werden können, also Normverletzungen, welche in solcher Weise für den politischen Betrieb schädlich sind, dass eine mediale Berichterstattung darüber aufgrund ihrer faktischen politischen Relevanz, also ihrer Rückwirkungen auf das politische System, gerechtfertigt ist. Ungeachtet dieser Fälle mahnt eine primär an Unterhaltung ausgerichtete Berichterstattung, welche sich jenseits ihrer Aufgabe der Informationsaufbereitung zum Zweck der politischen Meinungsbildung überwiegend auf skandalisierungsfähige Gegenstände jeglicher Art fokussiert, daran, dass durch die Allgegenwart digitaler Aufzeichnungsmedien gleichsam eine neue Medienmacht entsteht, welche bei der Generierung von aufmerksamkeitserregenden Neuigkeiten von der erweiterten Transparenz der Lebenswelt bekannter Politiker profitiert. So kann auf der einen Seite diese neue Medienmacht, welche in erster Linie aus dem relativen Verlust der Privatheit in der digitalen Welt resultiert, reflektiert werden. Auf der anderen Seite jedoch kann neben den Medienmachern der Blick auf das Publikum gelenkt werden, dessen empörungsstarke Rezeption medialer Berichterstattung jene Medienmacht entscheidend miterzeugt. Auf beiden Seiten kann angemahnt werden, Maßstäbe der Beurteilung nicht nur des politischen Personals zu überdenken. Man muss lernen, „mit Normalsterblichen zu leben, die Schwächen haben, eitel sind und manchmal erschöpft, übellaunig und unbeherrscht und deren Frisur, Vorleben oder Gesamtpersönlichkeit einem nicht notwendig gefällt. [...] Die neue Medienmacht verlangt eine neue Toleranz und die Einsicht, dass Stilfehler alltäglich, unvermeidlich und damit normal werden, wenn die Kontexte verschwimmen.“ (Pörksen, Es entsteht eine grell ausgeleuchtete Welt, ein monströses Aquarium, in dem kaum noch etwas verborgen bleibt, in: Die Zeit, Nr. 8, 2015, p. 8)

31. März 2015

Überwachung in Deutschland

Das technisch Mögliche zur Überwachung des Internets wird ausgeschöpft. Ohne dies bewerten zu wollen, soll an dieser Stelle die aktuelle in Relation zu vergangenen Überwachungsarchitekturen gesetzt werden. Was es die geheimdienstliche Überwachung gerade der deutschen Bürger angeht, bedarf es eines Blickes zurück in die Zeit des Kalten Krieges und davor, als die Westalliierten mit der damaligen Bonner Regierung geheime Vereinbarungen schlossen, welche das Kontrollieren und Überwachen von Postsendungen und Telefonaten damals sowie das Ausspähen von Daten heute angeht. Faktisch gab es seit Anbeginn der Bundesrepublik eine immense Post- und Fernmeldeüberwachung – sowohl in West-, als auch in Ostdeutschland. Es wurden Drucksachen, Zeitungen, Briefe, Päckchen und Pakete, Telegramme, Fernschreiben und quasi der gesamte Telefonverkehr der Bundesrepublik – darunter auch die gesamte Korrespondenz der Bundesregierung – überwacht (Foschepoth, Überwachtes Deutschland. Post- und Telefonüberwachung in der alten Bundesrepublik. Bonn 2013, 51). Die größten Kontrolleure waren die Sieger- und Besatzermächte Deutschlands. Die Geheimdienste der drei Westmächte hatten das Recht, den Fernmeldeverkehr abzuhören und den westdeutschen Geheimdienst für Überwachungstätigkeiten zu engagieren. Die Bundesregierung ist durch unterschiedliche, mitunter geheime Vereinbarungen und Gesetze verpflichtet, die Überwachungswünsche der alliierten Nachrichtendienste so weit wie möglich zu erfüllen. Die damals geschlossenen Verträge und geheimen Verwaltungsvereinbarungen um Spähangriffe aus Washington und London, welche die deutsche Verfassung ausstechen, sind mitunter bis auf den heutigen Tag gültig. Verwaltungsvereinbarungen zwingen den Bundesnachrichtendienst sowie den Verfassungsschutz dazu, mit der NSA zusammenzuarbeiten und dieser Informationen zukommen zu lassen (ebd., S. 15 f.). In den Anfangszeiten der Bundesrepublik ging es in erster Linie darum, NS-Organisationen aufzuspüren. Die Post- und Fernmeldeüberwachung sollte aber auch militärische Objekte, politische und wirtschaftliche Entwicklungen sowie die Stimmung in der Bevölkerung in Erfahrung bringen. Verdächtige Personen sollten entdeckt, Spione enttarnt und hochqualifizierte Wissenschaftler erkannt werden. Letztere wurden in der Regel in den Westen abgezogen. Zudem wurden Sowjets überwacht sowie kommunistisches Schriftgut. Insgesamt sind zwischen 1951 und 1972 insgesamt circa 90 Millionen Postsendungen aus dem Verkehr gezogen und vernichtet worden (ebd., S. 117). Die endgültige Übergabe der operativen Überwachung in Westdeutschland von den Alliierten an die Deutschen vollzog sich 1968 mit der Einführung des G 10-Gesetzes. "Die Beschädigung des Grundgesetzes durch die G 10-Gesetzgebung war eine unmittelbare Folge der Weststaatsentwicklung der Bundesrepublik auf dem Weg zu einem verlässlichen Frontstaat im westlichen Bündnis. Alliiertes Besatzungs- und Vorbehaltsrecht wurde erst abgelöst, als es in westdeutschem Recht und Verfassungsrecht verankert war." (ebd., S. 206) Das G 10-Gesetz dient der präventiven Abwehr möglicher, also noch nicht wirklich existierender Gefahren für die freiheitliche demokratische Grundordnung. Ein Bruch des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses wurde ermöglicht, um Gefahren im Voraus erkennen zu können. Damit nachrichtendienstliche Tätigkeiten eintreten, muss also keine konkrete Gefahr vorliegen. Es reicht, wenn der Bundesnachrichtendienst behauptet, es lägen Anhaltspunkte für den Verdacht vor, dass jemand etwas planen könnte. Überwachungsmaßnahmen sind demnach nicht an bestimmte Tatbestände geknüpft, sondern liegen im Ermessen der Exekutive. Damit wird deutlich, dass die Belange des Staatsschutzes als das höherwertige Rechtsgut gegenüber dem Grundrecht auf Wahrung des Post- und Fernmeldegeheimnisses erachtet werden. Die Staatsräson steht über der Verfassungsräson (ebd., S. 212). Die Rechtsgrundlage für die Überwachung Deutschlands durch eigene und ausländische Geheimdienste gilt bis heute. „Die Verwaltungsvereinbarungen enthielten keine Kündigungsklausel. [...] Da das NATO-Truppenstatut bis heute noch in Kraft ist, bedeutet dies, dass auch die deutsch-alliierten Verwaltungsvereinbarungen von 1968 und die darin geregelte enge Zusammenarbeit in Sachen Post- und Fernmeldeüberwachung in der Bundesrepublik ebenfalls noch in Kraft sind und entsprechend angewendet werden dürfen.“ (ebd., S. 194 f.) Damit rücken die Enthüllungen rund um die NSA und den GCHQ in ein neues Licht und verlieren ein Stück weit ihren Charakter als überraschender Enthüllungsskandal.

4. Januar 2015

Privatheit als Normverletzungsschutz

Nahezu alles Reden vom Verlust der Privatsphäre ist negativ gefärbt. Man fürchtet um seine Privatheit. Deren Abbau durch vernetzte Technologien, deren Sensoren unseren Alltag durchsetzen, wird durchweg als schlecht erachtet. Man fordert einen stärkeren Datenschutz, ohne zu fragen, welche Daten dabei eigentlich geschützt werden (Greenberg, Over 80 Percent of Dark-Web Visits Relate to Pedophilia, Study Finds, http://www.wired.com/2014/12/80-percent-dark-web-visits-relate-pedophilia-study-finds/, 01.01.2015). Indem die Lebenswelt von Technologien vereinnahmt wird und immer mehr Handeln datafiziert wird, gerät mehr von jenem Handeln, welches sich bislang nur durch die Absenz von Aufzeichnungsgeräten manifestieren konnte, in ein Stadium, nicht mehr durchgeführt werden zu können. Vernetzte Technologien sind immer auch potentielle Dokumentationsapparate für Rechts- und Normverletzungen. Der Ruf nach dem Schutz der Privatheit ist demnach in vielen Fällen nichts anderes als ein Ruf danach, eingespielte Normverletzungen weiterhin begehen zu können. Dies zu erkennen war bislang selbst die Privatheitsforschung kaum in der Lage. Jarvis stellt hier mit einer kurzen Passage aus Public Parts eine löbliche Ausnahme dar.
"[...] in the U.S., we bridle at the idea of cameras and computers spying and finking on us. In truth, we all speed and cheat a little, and we don’t want to get caught. Put another way, to judge by our behavior, most drivers on the road believe that speed limits are set too low. So the limit’s the lie. If technology is better able to monitor our adherence to rules, it’s not our privacy that’s violated, nor is technology the issue. It’s that our beliefs and behaviors don’t match our laws. Technology only exposes that gap. So what do we do about that? We wink and tell technology to butt out. We decry sensors and cameras on the road as Big Brother government invading privacy. We say that black boxes in our cars recording our actions would be invasive. [...] If technology could prevent all of us from doing stupid and dangerous things on the road, shouldn’t we embrace it? We are balancing nothing less than life and death against our feelings of control." Jarvis, Public Parts. How Sharing in the Digital Age Improves the Way We Work and Live, New York, S. 108)

11. November 2014

Daten in der Sicherheitspolitik

Der unter dem Begriff „Big Data“ gefasste Trend, große Datenmengen zu erheben und zu verarbeiten und probabilistisches Wissen aus diesen zu generieren, erfasst und beeinflusst neben vielen anderen gesellschaftlichen Feldern auch das des Staates und der Sicherheitspolitik. Datenverarbeitende Systeme assistieren Entscheidungsfindungsprozessen, indem sie bislang unerkannte statistische Zusammenhänge aufzeigen sowie Entwicklungen und menschliches Verhalten antizipieren. So kann etwa aus Datenbanken, welche vergangene Kriminalfälle umfassen, probabilistisches Wissen über Verhaltensmuster extrahiert werden, welche dann zur Vorhersage zukünftiger Straftaten eingesetzt werden. Das Paradigma der vorhersagenden Polizeiarbeit, welches bereits Einzug in die Praxis gehalten hat, veranschaulicht dabei exemplarisch, welche ethischen Problemfelder sich angesichts datengetriebener und datenbasierter Entscheidungsfindungsprozesse auf der Ebene des Staates bzw. der Behörden eröffnen. Indem Staaten mit und durch Daten regieren, sind sie auf ein digitales Abbild jedes einzelnen Bürgers angewiesen. Auf der Ebene der Datenerhebung erfordert dies ein möglichst umfassendes Monitoring des gesellschaftlichen Lebens, was eine Kultur der Selbstzensur fördern kann. Auf der Ebene der Datenverarbeitung entstehen Probleme beim Rückschluss von digitalen Profilen auf Personen. Digitale Profile sind potentiell ungenaue, meistens aus mehreren Quellen zusammengesetzte, reduktionistische Datendoubletten von Personen. Hinzu kommt, dass das vermeintliche Wissen über Verhaltensweisen, Eigenschaften und Einstellungen, welches aus Datenbanken generiert wird, lediglich unbegründetes, nicht gerechtfertigtes, probabilistisches Wissen ist. Sobald dieses datenbedingte Wissen in politische Entscheidungen einfließt und diese beeinflusst, entstehen – da für Entscheidungen keine Gründe mehr angegeben werden können – Legitimationsdefizite im staatlichen Handeln. Sobald informationstechnische Systeme zu Handlungsträgern werden, also Computer bzw. Algorithmen an Stelle von Personen Entscheidungen treffen, entsteht ein Spannungsfeld zwischen der Bestimmungsmacht von Daten und dem eigentlichen Willen politischer Akteure. Von Intuitionen, Vermutungen und Unsicherheiten bestimmte Handlungskontexte werden sukzessive mit der mutmaßlichen Sicherheit und Objektivität der Datenauswertungen durchsetzt. Faktisch jedoch operiert kein System objektiv und „vorurteilsfrei“. Es fließen immer Vorannahmen und Werte, meistens jene der Systemkonstrukteure, in die Verfahrensweisen und Programmiercodes von informationstechnischen Systemen ein. Werte, welche in Technologien eingeschrieben werden, sind in der Technikanwendung nur mit Schwierigkeiten noch zu erkennen und können kaum mehr verhandelt werden. All diese Entwicklungen verändern die Legitimationsbedingungen politischen Handelns. Sicherheitspolitische Entscheidungen legitimieren sich über deren demokratische Beschlussfassung und Transparenz, deren Notwendigkeit, Proportionalität, Zweckgebundenheit und Spezifität. Gerade die Aspekte der demokratischen Beschlussfassung, Transparenz und Spezifität sind durch ein rein datengetriebenes Prozessieren politischer Entscheidungen negativ betroffen und deuten auf entstehende Legitimationsdefizite hin. Versicherheitlichungsprozesse verändern sich, indem neue Akteure, darunter in erster Linie Softwareentwickler, das Feld der Sicherheitspolitik betreten und indem die Versicherheitlichungslogik einer das Grundprinzip der Unschuldsvermutung außer Kraft setzenden Verdachtshermeneutik folgt – mit den Folgen potentiell ungerechtfertigter Beschuldigungen bestimmter Personen. Die immer stärkere Durchsetzung der Gesellschaft mit datenerhebenden und -verarbeitenden Systemen, welche für Überwachungszwecke eingesetzt werden können, verändern nicht allein Akteurskonstellationen und Legitimationsbedingungen des sicherheitspolitischen Handelns des Staates. Neben der über das politische System organisierten Überwachung von Individuen durch Institutionen verändert der vermehrte Einsatz digitaler Medien auch die Überwachung von Institutionen durch Individuen (sousveillance) sowie von Individuen durch andere Individuen (social  surveillance / lateral surveillance). Digitale Technologien respektive die Allgegenwart von Sensoren etwa zur Bild- oder Tonaufzeichnung bilden omnipräsent einsetzbare Werkzeuge zur Dokumentation und potentiellen Verbreitung von Norm- und Rechtsverletzungen. Neben der staatlichen Überwachung zum Zweck der Kriminalitätsbekämpfung stehen hier nicht-staatliche Überwachungspraxen im Vordergrund. Hierbei geht es auf der einen Seite um eine private Versicherheitlichung des Alltags durch „peer surveillance“ über Videoüberwachungsanlagen oder personenbezogene Online-Recherchen. Ferner wird mit dem Begriff „sousveillance“ die Aufrüstung der Bürger mit Beobachtungstechnologien beschrieben, welche auf das Handeln staatlicher Akteure gerichtet werden. Die digitale Technologie wird zu einer omnipräsenten Beobachtungsinstanz, wobei die Frage ist, ob eine Gesellschaft, welche zunehmend zu einer kontextlosen, transparenten und technologiegesättigten Atmosphäre wird, pro-soziales, altruistisches Verhalten steigert – oder ob Freiheitsgrade beschränkt werden, indem sozial auffälliges Verhalten durch die Ausbildung eines Sicherheitshabitus generell unterdrückt wird.

6. November 2014

Zur Ethik autonomer Roboter

Als angewandte Ethik beschäftigt sich die Roboterethik hauptsächlich mit der Frage, welche Rolle Roboter in sozialen Handlungszusammenhängen spielen. Auf der einen Seite geht es um Roboter als „moralische Maschinen“, welche es so zu programmieren gilt, dass ihre Aktionen möglichst keine Schäden verursachen. Dabei steht vor allem die Entwicklungsphase von Robotern im Fokus. Hier gilt es, Wechselwirkungen zwischen Technik und Gesellschaft angemessen zu antizipieren. Man muss mögliche Folgen des Technikeinsatzes abschätzen und überprüfen, welche Werte in die Robotertechnik eingeschrieben werden. Wichtig ist vor allem, neben den rein technischen oder ökonomischen Wertesettings soziale Werte zu berücksichtigen. Es geht nicht allein um die Funktionalität, die Rentabilität oder die Brauchbarkeit von Robotern, sondern auch darum, ob durch sie Werte wie Freiheit, Privatheit oder das Gemeinwohl gefördert oder beeinträchtigt werden. Auf der anderen Seite geht es bei der Roboterethik um Roboter als potentiell schutzbedürftige Akteure. Es geht um die Frage: Wie soll man Roboter behandeln? Es mag irritieren, diese Frage zu stellen. Allerdings ist der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, dass soziale Roboter in nicht allzu ferner Zukunft eine solche Ähnlichkeit mit Menschen bekommen, dass eine emotionale Verbindung mit ihnen aufgebaut werden kann. Eine absichtliche Beschädigung eines solchen Roboters würde dann dazu führen, dass diese emotionale Verbindung „abtrainiert“ wird. Wer also gegenüber sozialen Robotern „grausam“ ist, dessen moralischer Charakter depraviert, was im Endeffekt - um in den Denkmustern einer anthropozentrischen Ethik zu bleiben - wiederum negative Rückwirkungen auf die menschliche Gemeinschaft haben kann. Dementsprechend ist die Idee der Einführung von Roboterschutzrechten nicht gänzlich abzuweisen. Letztlich müssen umfassende, gegenseitige Schutzpflichten etabliert werden. So hat etwa Omohundro verdeutlicht, dass die in beschwichtigender Intention geäußerte Formel – "We can always unplug it!" – keine valide Lösung mehr für technologische Großgefahren darstellt (Omohundro, Autonomous technology and the greater human good, in: Journal of Experimental & Theoretical Artificial Intelligence, 2014, S. 1-13). Man muss gar nicht unbedingt auf die Zukunftsvision sich verselbständigender Roboter rekurrieren, um deutlich zu machen, dass die Risiken technischer Systeme mitunter weder eingrenzbar, noch kontrollierbar sind. Omohundro legt dar, dass Entwicklungen im Bereich der Robotik unberechenbare Konsequenzen haben können, sobald die Technik eine gewisse unkontrollierbare Eigendynamik erlangt. Letztlich sind solche Entwicklungen bereits jetzt zu erkennen. Technologien existieren, über welche niemand weiß, welche langfristigen Folgen sie haben werden. Autonome Roboter, welche sich gegen Menschen wenden, sind gewissermaßen nur das anschaulichste Sinnbild dafür, dass technologische Großgefahren erzeugt worden sind und weiterhin erzeugen werden, welche nur mit größten Anstrengungen oder gar nicht unter Kontrolle zu bringen sind. Dabei muss man sich, wie Omohundro dies tut, nicht einmal zwingend auf autonom agierende Roboter beziehen, welche zur Gefahr für Lebewesen werden, um zu verdeutlichen, dass viele Beherrschbarkeits- und Sicherheitsbehauptungen aus den technologischen Disziplinen illusorisch sind. Es sind ja keine autonomen Roboter, welche unsere Sicherheit signifikant bedrohen, sondern bereits existierende Technologien etwa aus dem Bereich der Gentechnik oder der Kernenergie. Die offensichtliche Gefahr bei der Entwicklung autonomer Systeme besteht darin, dass man zunehmend die Kontrolle darüber verliert, welche Konsequenzen die Instanziierung dieser Systeme hat. Der Grundsatz, dass mit der Vermehrung von Handlungsmöglichkeiten gleichsam eine Ausweitung von Verantwortungsbereichen einhergeht, wird obsolet. Zudem versagt das individuelle Verursacherprinzip. Schließlich kann niemand die Verantwortung über autonom agierende Roboter übernehmen. Stattdessen muss die Entwicklung dieser Roboter verantwortet werden. Die Zurechenbarkeit von Verantwortung verlagert sich. Entscheidend sind nicht die eventuell nicht-erwünschten Aktionen autonom agierender Roboter, sondern die Umstände, unter denen die Roboter entwickelt werden. Hier ist mit einer Zunahme von Ungewissheitsfolgen zu rechnen – und diese müssen verantwortet werden können. Omohundros Studie beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit potentiell schädlichen Übergriffen von autonom agierenden Robotern auf Personen. Sicherlich gehen von bestimmten technischen Systemen signifikante Gefahren für das Wohlergehen von empfindungsfähigen Individuen aus. In der Tat ist vor allem im Bereich des Militärs mit der Gefahr zu rechnen, dass Technologien zur Bekämpfung von Personen und Infrastrukturen entwickelt werden, wobei die Handlungsträgerschaft von menschlichen Akteuren in zunehmendem Maße auf die Technik übertragen wird und somit Fragen nach Verantwortung und Schuld nur mit großen Schwierigkeiten geklärt werden können. Autonom agierende Militärtechniken fördern die Anonymität und Unauffindbarkeit derer, die für Militärschläge originär verantwortlich zu zeichnen sind. Im Bereich der Wirtschaft besteht die Gefahr, dass zur Optimierung ökonomischer Zielgrößen autonom agierende Systeme zum Einsatz kommen, wobei die außerwirtschaftlichen Nebenfolgen dieser Systeme missachtet werden. Menschliche Akteure werden in den Hintergrund gestellt. Stattdessen übernehmen autonome Systeme Entscheidungsfindungsprozesse. Dabei kann kaum zuverlässig gewährleistet werden, dass schützenswerte menschliche Interessen nicht missachtet werden. Und die Ethik spielt im Bereich mancher Entwicklungsprozessen von Technologien, wie Beck sagen würde, die Rolle einer Fahrradbremse am Interkontinentalflugzeug. Schließlich muss man dennoch eruieren, zu welchen Zwecken Technologien eingesetzt werden. Was dann aus der einen Perspektive als Wirksamkeitssteigerung, als Vereinfachung oder Ermöglichung neuer Fertigkeiten erscheint, erscheint aus der anderen Perspektive als das genaue Gegenteil. Während Technologien Zwecksetzungen vereinfachen können, können sie sie ebenfalls erschweren oder sich über diese hinwegsetzen. Pessimistische Technikauffassungen, worunter mit Einschränkungen auch jene Omohundros zu zählen ist, fokussieren sich auf ebensolche Verselbständigungsdynamiken technischer Apparate. Optimistische Technikauffassungen dagegen betonen durch Technologien bedingte Vorteile und Nutzengewinne. Letztlich müssen beide Ansätze verfolgt werden, um in Wertekonflikten, welche im Kontext neuer Technologien entstehen, adäquat vermitteln zu können. Schließlich jedoch ist nicht auszuschließen, dass sich herausstellt, dass technische Artefakte in bestimmten Handlungszusammenhängen in vielerlei Hinsicht mehr ein Hindernis und eine potentielle Gefahr darstellen, als dass sie förderlich wirken würden. Hier setzen technikethische Abwägungsprozesse an. Wahrscheinlich ist dabei der ärgste Widersacher der Robotik die Robotik selbst. Die objektiven Gefahren, welche von autonom agierenden Robotersystemen ausgehen, und die Unfälle, welche durch sie geschehen, sind die stärksten Argumente für eine freiwillige Selbstlimitation der Entwicklungsmöglichkeiten auf dem Feld der Robotik.

25. September 2014

Universitäten als Unternehmen

Universitäten sind Erkenntnis- und Textfabriken. Um die Produktivität hoch zu halten, werden Turniere darüber ausgetragen, wer die größten Textmengen herstellen kann. Die Turnierergebnisse fließen in eine Art universitäre Ligatabelle, besser bekannt als „Rankings“, ein. Diese wiederum sind der Schlüssel zu Drittmitteln. Waren Universitäten einmal Bastionen des freien Denkens, so sind sie heute Anhängsel derer, welche Drittmittel als Turnierpreise ausstellen. Ein idealer Professor muss nicht per se ein guter Wissenschaftler sein, sondern ein geschickter Fundraiser, Projektmanager und Publizist. Die Tätigkeit als Projektmanager und Fundraiser hindert Professoren mitunter, wirklich in der Forschung zu arbeiten. Er muss die immer stärker wachsende Zahl der Universitätsangestellten und wissenschaftlichen Mitarbeiter verwalten. Dabei muss er enorme Zeit aufwenden, um permanent frische Forschungsanträge für neue Projekte aufzusetzen. Die Tätigkeit als Publizist wird nicht selten über wenig gerechtfertigte Co-Autorschaften erlangt, wobei die eigentlichen Erkenntnis- und Textfabrikaten die wissenschaftlichen Mitarbeiter sind. Dabei sind gleichsam die Forschungsgegenstände und -ergebnisse mitunter so trivial, dass man sagen kann, dass die Forschung und damit die Universität an sich den Kontakt zu den gesellschaftlichen Verhältnissen verloren haben.
“Universities which on the surface expose themselves as great temples of scientific excellence, are forced to participate in project- and publication-olympics, where instead of medals, winners are rewarded with the elite or excellence status, exemption from teaching duties, and sometimes also with higher salaries. This is how it goes, even though many of the projects and publications do not have the slightest importance for the rest of the population outside the academic system. Two artificially staged competitions in particular incentivize the production of nonsense: the competition for the highest amount of publications and the competition for the highest amout of research funding.” (Binswanger, M. (2014). Excellence by Nonsense: The Competition for Publications in Modern Science. In S. Bartling & S. Friesike (Eds.), Opening Science. The Evolution Guide on How the Internet is Changing Research, Collaboration and Scholarly Publishing, Heidelberg: SpringerOpen, S. 53)

16. Juli 2014

Privatheit und Techniknutzung

Das Ringen um die Wahrung der Privatsphäre scheint angesichts immer leistungsstärkerer Datenerhebungs- und Datenverarbeitungsmöglichkeiten durch immer engmaschiger untereinander vernetzte informationstechnische Systeme nahezu vergeblich zu sein. Längst ist eine Entdifferenzierung jener Trennlinien zu beobachten, welches das Private vom Nicht-Privaten abheben. Wurde die informationelle Privatheit stets über die Kontrolle definiert, welche man darüber ausübt, wer Zugriff auf personenbezogenen Daten und Informationen hat, so ist diese Kontrolle mehr oder weniger verschwunden. Verantwortlich dafür können einzelne soziale Akteure gemacht werden, also etwa große Internetkonzerne oder Geheimdienste. Die Frage ist aber, ob man es hier nicht vielmehr mit einer Entwicklung und Evolution technologischer Systeme zu tun hat, welche weder in ihrer Entstehung, noch in ihrem weiteren Fortgang durch rechtliche, politische oder anderweitige steuernde Maßnahmen kontrolliert beeinflusst werden kann. Obgleich durch Protestbewegungen, politische Entscheidungen oder Rechtsprechung Interventionsmaßnahmen bemüht werden, um informationstechnologische Entwicklungen, welche den Verlust der Privatsphäre begünstigen, zu limitieren, so scheint es insgesamt doch eine starke Resistenz gegen Steuerungsversuche zu geben. Akzeptiert man die relative „Unregierbarkeit“ dieser Entwicklung, erscheinen Diskurse, welche die Wahrung und Stärkung einer Privatsphäre einklagen, als anachronistische Überhänge einer langatmigen semantischen Tradition, welche an der unausweichlichen gesellschaftsstrukturellen Entwicklung ihr unabwendbares, aber verzögertes Ende erfahren wird. Die Forderungen nach dem Erhalt der Privatsphäre sind Symptome einer allgemeinen, durch rasante gesellschaftsstrukturelle Veränderungen bedingten Irritation und Unsicherheit, welche sich nicht durch die aktive Wiederherstellung eines bestimmten Niveaus an Privatheit legt, sondern durch das Einspielen von Handlungsnormen, mit denen die permanente informationelle „Nacktheit“ der eigenen Person gemanagt werden kann. Wenn die immer breitere Implementierung datenverarbeitender, informationstechnischer Systeme unvermeidbar ist, löst sich der Komplex Privatsphäre und die mit ihm verbundenen Handlungsnormen sukzessive auf. Post-Privacy-Positionen legen nahe, datenschutzrechtliche Gefährdungsanalysen herunterzufahren. Daran anschließend wird die Schwächung des Werts der Privatheit positiv interpretiert, nämlich, grob gesprochen, als Erhöhung des solidarischen Zusammenhalts oder der Transparenz der Gesellschaft. Insgesamt ist von einem weitreichenden gesellschaftlichen  Wertewandel auszugehen. Angesichts einer offensichtlich ungerechten Verteilung von Transparenz, also einer ungleichen, asymmetrischen Verteilung von Zugriffsmöglichkeiten auf  große Mengen an personenbezogenen Informationen scheint es einige Wenige zu geben, welche gleichsam mit einem panoptischen Blick Transparenz über Viele erlangen. Daran anschließend geht es weniger darum, bloß an die Erhaltung der Privatsphäre zu appellieren, sondern vielmehr um die Klärung, welche neuen Werte und Praxen aus dem veränderten strukturellen Kontext erwachsen. Es muss um die Analyse von Bewältigungsstrategien angesichts einer permanenten Präsenz von potentiell überwachbaren und überwachten Medien gehen. Ferner gilt es zu klären, in welchem Maße jenen Bewältigungsstrategien überhaupt der Wert des Privaten vorangestellt ist oder ob es nicht schlicht um eine Verdrängungsleistung hinsichtlich der potentiellen Gefahren einer illegitimen Überwachungspraxis geht. Wenn sich die Benutzungsgewohnheiten informationstechnischer Systeme auch unter der Prämisse universeller Überwachung insgesamt kaum verändern und jede neue technische Möglichkeit nach anfänglichen, jedoch rasch verebbenden Skepsis- und Protestwellen allseitig zur Anwendung kommt, legt dies nicht nahe, dass das Subjekt, das eine Privatsphäre benötigt und einfordert, nur das abstrakte Produkt eines Diskurses ist und in dieser Form in der Praxis der Benutzung von informationstechnischen Systemen gar keine breite Entsprechung findet? Die Frage, die man sich stellen muss, ist, ob das Subjektbild eines autonomen, freiwillig handelnden und von seiner Umwelt unbestimmten Individuums, welches typischerweise in Privatheitsdiskursen gezeichnet wird, angesichts der zu beobachtenden Reduktion und Aufgabe der informationellen Privatheit noch angemessen ist, um aktuelle soziotechnische Entwicklungen zu erklären. Schlussendlich scheint es so zu sein, dass die Privatsphäre respektive die informationelle Privatheit ein artifizielles Konstrukt ist, anhand dessen ein Schutzbereich beschrieben wird, welcher in der sozialen Wirklichkeit keine Entsprechung mehr findet.

19. Juni 2014

Virtuelle Lebenswelten

Der Mensch ist das mit der Technologie verschmelzende Tier. Dabei wird die Idee des Menschen obsolet. Cyborgs betreten das Feld - zumeist in Form von Einheiten aus Mensch und Smartphone. Zunehmend übernimmt letzteres das “Denken”. 
"As computational resources are increased, systems’ architectures naturally progress from stimulus - response, to simple learning, to episodic memory, to deliberation, to meta-reasoning, to self-improvement and to full rationality." (Omohundro, Autonomous technology and the greater human good, in: Journal of Experimental & Theoretical Artificial Intelligence, 2014, S. 4)
Der Mensch ist ein langsamer, irrationaler und fehlerhafter Entscheider. Gegenüber der Technologie erscheint er schlicht als veraltetes Model. Er flüchtet sich zurecht in die Technologie. Er erwartet von ihr mehr als von anderen Menschen (vgl. Turkle, Alone Together. Why We Expect More from Technology and Less from Each Other, New York 2011). Er interagiert mit sozialen Robotern, Substituten des Menschen, oder mit Cyborgs, doch immer weniger mit seinesgleichen. Virtuelle Welten bilden die eigentliche Lebenswelt. Hier stößt er auf eine resonante Welt, eine Welt voller vermeintlicher Anerkennung - und auf eine Welt, in der er so sein kann, wie er sein möchte.
"Technology is seductive when what it offers meets our human vulnerabilities. And it turns out, we are very vulnerable indeed. We are lonely but fearful of intimacy. Digital connections and the sociable robot may offer the illusion of companionship without the demands of friendship. Our networked life allows us to hide from each other, even as we are tethered to each other. We'd rather text than talk." (Ebd., S. 1)
Während Computer und desgleichen Roboter einst "leere" Maschinen waren, so reagieren sie nun auf ihre Nutzer, sprechen mit ihnen oder machen ihnen Handlungsvorschläge. Es entsteht nicht nur eine emotionale Verbindung zu Maschinen (Darling, Extending Legal Richts to Social Robots, 2012), sondern gar eine neue Intimität, eine neue Innigkeit zwischen Mensch und Technologie. Während die zwischenmenschliche Intimität verkümmert und eine neue Entfremdung sich breit macht, hält die Flucht in die sozialen Netzwerke, Online-Communities und Multiplayer-Arenen an. Dem Geschehen und den Interaktionen in den virtuellen Welten wird ein höherer Stellenwert eingeräumt als dem Geschehen unter den Anwesenden. Galt es vor einiger Zeit noch als unverschämt, ein Gespräch zu unterbrechen, um sich seinem Handy zu widmen, so ist es inzwischen zur Norm geworden, klingelnde, vibrierende oder aufleuchtende Smartphones sofort und mehr zu beachten, als die Person gegenüber.
"Mobile technology has made each of us 'pauseable.' Our face-to-face conversations are routinely interrupted by incoming calls and text messages. In the world of paper mail, it was unacceptable for a colleague to read his or her correspondence during a meeting. In the new etiquette, turning away from those in front of you to answer a mobile phone or respond to a text has become close to the norm. When someone holds a phone, it can be hard to know if you have that person's attention." (Turkle, ebd., S. 161)
Die Identitäten der sozialen Netzwerke und Online-Communities fordern ständige Aufmerksamkeit – welche nur über die Ablenkung von der nicht-virtuellen Welt gesichert werden kann. Diese permanente Ablenkung begünstigt eine eigentümliche Art der Einsamkeit, welche vor allem an öffentlichen Plätzen zu beobachten ist. Die Blicke sind auf die Displays der Smartphones gebannt. Ohrhörer verhindern, ansprechbar zu sein. Es gilt, die virtuellen Identitäten zu pflegen. Dabei sind die Profile und Accounts kaum mehr als verfälschte Zerrbilder der nicht-virtuellen Identität einer Person.
"From the start, online social worlds provided new materials. Online, the plain represented themselves as glamorous, the old as young, the young as older. Those of modest means wore elaborate virtual jewelry. In virtual space, the crippled walked without crutches, and the shy improved their chances as seducers." (Ebd., S. 158)

23. Mai 2014

Spülmaschinenkonflikte

Die Spülmaschine ist ein Konfliktauslöser erster Güte. An ihr kristallisieren sich Zank und Zwietracht wie an keinem zweiten Haushaltsgegenstand. Unstimmigkeiten entzünden sich an differenten Vorstellungen über die sachgemäße Erreichung der beiden Zielgrößen des Spülmaschinenbetriebs: Packdichte und Sauberkeit. Es soll möglichst viel in die Spülmaschine, doch mit zunehmender Packdichte überlagern sich die zu spülenden Gegenstände und können nicht hinreichend gereinigt werden. In zumeist gleichbleibender Besetzung treten die Streitpartner dann jeweils für den Designationswert Sauberkeit ein und erwehren sich einer zu hohen Packdichte - oder eben umgekehrt. Einer platten Intuition folgend würde man dann mutmaßen, dass Männer eher auf Packdichte setzen, während Frauen für Sauberkeit eintreten und allzu gewagten, verschachtelten Aufbauten von verschmutzten Küchengegenständen eher skeptisch gegenüber stehen. Dabei besteht das Risiko einer zu hohen Packdichte einzig im Überbleiben kleiner, mit dem Fingernagel leicht zu entfernender Knusen an wenigen Geschirrstücken. Das Risiko einer allzu strikten Sauberkeitsdoktrin dagegen besteht schlicht darin, ein wenig schmutziges Geschirr auf die jeweils nächste Spülfuhre aufschieben zu müssen. Diese offensichtlich gänzlich harmlosen Risiken sind kaum in ein Verhältnis zu setzen mit der aggressiven Leidenschaftlichkeit und Konstanz der Konflikte um die Spülmaschine. So steht zu vermuten, dass gerade in gut funktionierenden Paarbeziehungen, in denen substantielle, personenbezogene Streitanlässe überwiegend fehlen, die Spülmaschine zur Konsolidierung eines Streitgegenstandes herangezogen wird, anhand dessen Disharmonien provoziert werden können, an deren raschen Ausräumung man dann wiederum beweisen kann, wie harmonisch die Beziehung ist.

19. April 2014

Tiere im Labor

Naturwissenschaften haben längst keine Verbindung mehr zur Natur. In den Laboratorien gibt es keine naturbelassenen Objekte mehr, sondern nur noch Transformationen ebendieser. Organismen sind mehr molekulare Maschinen als Naturobjekte. Pflanzen und Tiere sind experimentelle Instrumente, welche selbst das Produkt von Laboratorien sind. Paradoxer Weise ist die Natur, "wie sie in der Umwelt des Labors vorkommt, [...] für experimentelle Arbeiten ungeeignet." (Knorr Cetina, Wissenskulturen. Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen, Frankfurt am Main 2002, S. 203) In der Natur vorkommende Tiere gibt es in Labors in der Regel nicht mehr. Die Mäuse, mit denen geforscht wird, sind reine, unter strengen Zuchtregimen stehende Laborarten. Trotzdem wird allenthalben so getan, als könne man die an jenen "Modellsystemen" erzielten Ergebnisse problemlos in Verbindung zu den "wirklichen" Tieren - und Menschen - setzen. Allerdings kann von den isolierten, "gereinigten" physiologischen und chemischen Objektzeichen, welche im Labor ermittelt werden, nicht auf Phänomene geschlossen werden, welche sich in der Komplexität außerhalb künstlicher Laborarrangements abspielen. Organismen, im Besonderen Tiere sind im Labor nicht in ihrer natürlichen Umwelt verankert, sondern den Laborbedingungen entsprechend manipuliert. Das Phänomenfeld Labor wird von den in ihm arbeitenden Wissenschaftlern definiert und konstruiert. Die dort zu untersuchenden Objekte sind aus ihrer Umwelt herausgehoben und im Labor installiert. So fällt gleichsam auf, dass bei der Durchführung von Tierversuchen eine spezielle epistemische Methode zur Anwendung kommt. Da die Verfahren hochgradig kontingent sind, gibt es eine Strategie der beliebigen Variation des Experiments, welche solange verfolgt wird, bis das gewünschte Resultat erzielt wird. Das Labor dient der Konstruktion von Arrangements, bis die gewünschte Art der Erkenntnisproduktion gewährleistet ist.
"Als lebende Organismen reagieren Mäuse unterschiedlich [...]. Eine anästhesierte Maus mag zum Beispiel nicht völlig betäubt sein und mag während der Behandlung anfangen, zu zucken, sich hin und her zu werfen, oder versuchen, sich aus ihrer Lage unter dem Mikroskop zu befreien, unter dem die Operation durchgeführt wird. Forschende, die sich bei diesem Verfahren chirurgisch betätigen, können feststellen, dass sich dies als nicht ganz einfach erweist: Das Fleisch, in das sie schneiden sollen, weicht dem Schnitt aus, die Organe, die sie zu identifizieren versuchen, bewegen sich und finden sich nicht an der erwarteten Stelle, die Wunde reißt und lässt sich nur schwer wieder nähen, die Maus erholt sich vielleicht nicht richtig von der Prozedur. Dies lässt sich am Beispiel eines deutschen Doktoranden (A.) illustrieren, der bei seinen ersten Versuchen, das Verfahren zu lernen, beobachtet werden konnte. Er wollte Keimbläschen (Blastozysten) aus zwei Mäusen entnehmen und ohne dazwischen liegende Mikroinjektion in eine dritte Maus reimplantieren. Die erste Schwierigkeit bestand darin, das Tier zu töten. Der Maus muss dabei in einer schnellen Bewegung das Genick gebrochen werden; sie versuchte dies jedoch durch ständige Bewegung zu verhindern und entkam schließlich von der Decke des Käfigs, auf dessen Außenseite die Prozedur verrichtet werden sollte. Auch mit der zweiten Maus dauerte dieser Schritt viel zu lange. Nachdem beide Mäuse schließlich getötet waren, öffnete der Wissenschaftler die erste, nahm die Eingeweide heraus und fand, dass 'unsere Mäuse zu dick' sind. Er kämpfte eine Zeit lang mit dem Fett und fand schließlich den Uterus und zwei Eileiter, die er entfernte. Um die Keimbläschen zu erhalten, spülte er die Eileiter mit einer an einer Injektionsnadel befestigten Spritze. Er suchte nach den Keimbläschen unter dem Mikroskop, fand aber keine. Bei der zweiten Maus hatte er wegen ihres Körperfetts ähnliche Schwierigkeiten; überdies schien sie 'auch noch schwanger' zu sein. Als der Wissenschaftler versuchte, ihre Eileiter zu spülen, staute sich innen die Flüssigkeit und blies die Eileiter auf, ohne abzulaufen: 'sie müssen wohl zusammenkleben'. Daraufhin schnitt er die Enden der Eileiter ab und ließ die Flüssigkeit abfließen. Aber als er das Ergebnis auf Keimbläschen untersuchte, fand er keine: 'Vielleicht war das, was ich vorhin gesehen habe, Fett.' Er spülte nochmals und seufzte, als er nichts fand. Dann lief er aus dem Raum, um den Mausexperten zu suchen, der aber bereits nach Hause gegangen war (es war bereits 20.45 Uhr). Daraufhin fiel ihm ein, dass er die Sache vielleicht unter dem Mikroskop im Zellkulturlabor untersuchen könnte, das einen anderen Phasenkontrast aufwies. Er ging mit seiner Schale in dieses Labor, hatte aber wiederum kein Glück und brachte das Material zurück in den Mikroinjektionsraum: 'Vielleicht habe ich sie nicht richtig ausgespült.' Er begann die Flüssigkeit mit einer Kapillarröhre auszusaugen und sagte: 'Ali, jetzt hab ich Glück, da sind zwei Keimbläschen.' Mit dieser Methode gewann er sieben Keimbläschen, worauf er die erste Maus noch einmal untersuchte und ebenso einige Keimbläschen fand. Währenddessen sprang die dritte Maus, in die die Keimbläschen reimplantiert werden sollten, in ihrem Käfig unruhig herum. Er gab ihr eine Beruhigungsspritze und 'sammelte' (saugte in einem Kapillarröhrchen hoch), transferierte und zählte seine Keimbläschen: 'Hatte ich nicht acht?' Wir, die nichts anders tun konnten als beobachten, hatten mitgezählt und erwiderten: 'Du hattest sieben.' Die betäubte Maus bekam eine weitere Spritze und wurde zum Operationstisch gebracht. A. stellte nun fest, dass er die Tampons vergessen hatte, um die Wunde zu reinigen und stellte einen Tampon aus einem Papierhandtuch her. Dann schnitt er in den Körper der Maus, betupfte die Wunde mit dem Tampon, führte den Einschnitt fort- und ließ die Maus los: 'Jetzt habe ich die Klemmen vergessen' (um die Wunde nach der Reimplantation wieder zusammenzuklemmen). Bleich und verärgert über sich selbst lief er aus dem Raum, um entweder Klemmen oder den Schlüssel zu einem Raum im Untergeschoss zu finden, in dem oft Operationen durchgeführt wurden. Er fand beides nicht. Der Mausexperte hatte den Schlüssel wie üblich mit nach Hause genommen. 'Man sollte diese Dinge nicht oben machen' (Operationen sollten im dafür vorgesehenen Raum im Untergeschoss durchgeführt werden). 'Besonders nicht im Zellkulturlabor', wie ein anderer Doktorand A. entgegenwarf, als dieser den Fehlschlag berichtete. Dieser hatte gesehen, wie A. das Mikroskop im Zellkulturlabor benutzte und befürchtete eine mögliche Kontamination. Das Fehlen der Klemmen beendete den Versuch. Die Maus, die nicht genäht werden konnte, musste getötet werden." (Knorr Cetina, Wissenskulturen. Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen, Frankfurt am Main 2002, S. 130 f.)

8. April 2014

Diskurstheorie und Religion

In einem freiheitlichen, demokratisch regierten Land zu leben bedeutet idealerweise, dass kulturelle Dissense hinsichtlich von Weltanschauungen und religiösen Überzeugungen friedlich prozessieren und dass alle Personen sich als freie und gleiche Rechtssubjekte verstehen und gegenseitigen Respekt pflegen. Der Staat muss sich gegenüber konkurrierenden Weltanschauungen und Konfessionen neutral verhalten.
“And on this basis of civic solidarity when it comes to contentious political issues they are expected to look for a way to reach a rationally motivated agreement - they owe one another good reasons. [...] A rule that cannot be justified in an impartial manner is illegitimate as it reflects the fact that one party forces its will on another.” (Habermas, Religion in the Public Sphere, in: European Journal of Philosophy, 14 (1), 2006 S. 5) 
Gängigerweise besteht die Vorstellung, dass, gemäß dem Fall, eine gläubige Person adressiert eine nicht-gläubige Person, die auf religiösen Dogmen basierende, semantisch geschlossene Kommunikation transformiert werden muss in eine säkularisierte, semantisch offene Kommunikation, sodass Geltungsansprüche im Sinne eines methodischen Atheismus sowohl für gläubige als auch für nicht-gläubige Personen annehmbar werden.
“If we are not to turn democratic politics into a Babel of mutually incomprehensible assertions, maybe we should search for a common vocabulary and a set of premises that we can all converge on in political dialogue.” (Waldron, Two Way Translation: The Ethics of Engaging with Religious Contributions in Public Deliberation, in: NYU School of Law, Public Law Research Paper, S. 13)
Nicht berücksichtigt wird hier, dass nicht-gläubige Personen, welche sich keiner Religionsgemeinschaft angehörig fühlen, in ihrer Kommunikation allein auf säkulare Argumente rekurrieren können, während ebendiese sehr viel restriktiver für gläubige Mitglieder einer Religionsgemeinschaft zur Verfügung stehen. Eine solche Asymmetrie der Argumentationsmöglichkeiten und des semantischen Potentials zwischen den Diskursteilnehmern ist ihrerseits allein seitens säkularisierter Weltanschauungen legitimiert. Deren Selbstsetzung unterscheidet sich dann kaum noch von einer dogmatischen Verkapselung der Religion. Anstatt eine einseitige Assimilation religiöser an säkularisierte Diskurse zu fordern, wäre es angemessener, schlicht nach einer Diskursbasis zu suchen, welche zwischen gläubigen und nicht-gläubigen Personen, aber auch zwischen Personen unterschiedlicher Konfessionen gegenseitige Verständigung ermöglicht. Dabei geht es um ein Wertesetting, welches zwar nicht weltanschaulich neutralisiert ist - denn wie sollte dies auch gehen? -, aber zu welchem beide Personen Zugang besitzen. Dieses sollte den Grundsatz der Moral der gleichen Achtung für jeden respektive für jedes Lebewesen enthalten - und zwar unabhängig von einem religiösen oder anderweitig weltanschaulichen Einbettungskontext. (Vgl. Habermas, Philosophische Texte, Bd. 5, Frankfurt am Main 2009, S. 346) Das bedeutet, dass miteinander verhandelnde Personen unter einer Kontingentsetzung ihres kulturellen oder religiösen Hintergrundes Streitpunkte sowohl aus der eigenen Perspektive als auch der Perspektive von Alter erwägen müssen. Dessen ungeachtet sind Werte zu unterscheiden, welche allein in den Grenzen einer säkularisierten Kultur ihre Wirksamkeit entfalten und Werte, welche dies allein in den Grenzen einer bestimmten Religionsgemeinschaft tun. Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft entzieht der Religion Kompetenzen und unmittelbare Zugriffsmöglichkeiten auf Recht, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft etc. Die Religion dient der Heilsgüterverwaltung sowie der seelsorgerischen Praxis und wird in ihrer Ausübungspraxis Privatsache - was nicht heißt, dass die Religion an Bedeutung oder Relevanz eingebüßt hat. Während die Religionen nach gängigem Verständnis auf die säkularen Legitimationsgrundlagen von Politik und Recht keinen Zugriff haben sollten, so sollte umgekehrt der von säkularisierten Institutionen ausgerufene Grundsatz des weltanschaulichen Pluralismus zum Respekt gegenüber religiösen Normkontexten führen. Institutionen der Politik, des Rechts und der Wirtschaft haben sich gesprächsbereit, lernbereit und empfänglich gegenüber religiösen Geltungsansprüchen und Überzeugungen zu verhalten - unabhängig der potentiellen Opazität ebendieser. Ein liberaler Staat gewährleistet die Freiheit der Religionsausübung 
“aus dem normativen Grund, die Glaubens- und Gewissensfreiheit eines jeden zu schützen. Er darf deshalb von seinen religiösen Bürgern nichts verlangen, was mit einer authentisch ‘aus dem Glauben’ geführten Existenz unvereinbar ist.” (Habermas, Ein Bewußtsein von dem, was fehlt, in: Reder; Schmidt (Hrsg.), Ein Bewußtsein von dem, was fehlt. Eine Diskussion mit Jürgen Habermas, Frankfurt am Main 2008, S. 34)

28. Februar 2014

Datenschutz und Privatsphäre

Es ist zu beobachten, dass Menschen mitunter sehr selektive, dogmatische Verweigerungshaltungen bestimmten Techniken oder Diensten gegenüber einnehmen. Sie nutzen dann Facebook nicht, weil Facebook sich unterschiedlicher Verstöße gegen Datenschutzrecht schuldig macht (Weichert, Datenschutzverstoß als Geschäftsmodell - der Fall Facebook, in: Datenschutz und Datensicherheit, 36(10), 2012, S. 716-712). Neuerdings richtet sich die Verweigerungshaltung gegen WhatsApp, da es als unsicher gilt. Oder sie verzichten auf einen Google-Account, weil Google als nicht vertrauenswürdig gilt. Aber es handelt sich hierbei um einen naiven Selbstdatenschutz. Ein konsequenter Datenschutz, welcher die eigene informationelle Privatheit sicherstellt, müsste umfassend kontrollieren, welche digitalen "Outputs" erzeugt werden und wo diese hinfließen. Die informationelle Privatheit schützt die Autonomie einer Person im Hinblick auf die Kontrolle über den Zugriff Dritter auf Informationen jene Person betreffend. Es geht um den Anspruch auf den Schutz persönlicher Daten. Die Kontrolle über Informationen, welche die eigene Person betreffen, kann gerade in digitalen Welten nur über die Wahrung von Datenschutzrichtlinien und -maßnahmen geschehen. Als problematisch erwachtet wird die Weitergabe von Informationen über die eigene Person gegen den eigenen Willen an Dritte. In informationstechnischen Kontexten betrifft dies etwa den Handel mit Verbraucherdaten, die Analyse des digitalen Fingerabdrucks oder das Ausspähen geheimer Daten.

"In using the Internet you lose control over information about your site preferences and this loss of control often occurs without your knowledge. [...] Loss of control of information about you without your knowledge is a paradigm case of a loss of privacy." (Bowie, Privacy and the Internet, in: Hugh LaFollette (Hrsg.), The International Encyclopedia of Ethics. New Jersey 2013, S. 4113)
Selbstdatenschutz besteht nicht darin, sich keinen Account bei Google oder Facebook anzulegen. Konsequenter Selbstdatenschutz meint, die Hoheit über alle Datenströme zu bewahren, welche die eigene Person betreffen. Während die bereits jetzt nahezu unmöglich ist, wird es unter den in naher Zukunft eintretenden Bedingungen des Ubiquitous Computing gänzlich verunmöglicht. Datenschutz ist bereits jetzt mehr ein appellatives Schlagwort denn eine umsetzbare Maßnahme. Um nur ein paar Beispiele zu nennen, wie rasch der Datenschutz sein Ende findet: Wenn man im Chrome ein paar Buchstaben in die Adresszeile eingibt, wird jeder Buchstabe an Google zur Erzeugung von Suchvorschlägen gesendet. Google kennt dann nicht nur die eigene IP, sondern kann von gemachten Rechtschreibfehlern und der Tippgeschwindigkeit auf den Bildungsstand der tippenden Person schließen. Eine weit verbreitete Taschenlampen-App sammelt Positionsangaben, LG-Fernseher geben Inhaltsverzeichnisse angeschlossener Datenträger weiter, der Musikerkennungsdienst Shazam sammelt Ortungsdaten, WhatsApp verschickt unverschlüsselt Namen und Telefonnummern aus der Kontaktliste, zahlreiche Handy-Spiele versenden die Gerätekennungsnummer, Facebook will Mausbewegungen und Klickverhalten auslesen usw. Aber es gilt nicht nur, den Desktop-Computer, das Smartphone, Tablet oder den "smarten" Fernseher mit all ihren Diensten, Anwendungen und Apps so zu konfigurieren, dass sie nicht mehr Daten verraten und abgreifen, als man will. Auch die Personenwaage, die Zahnbürste, die Heizung, das Fitness-Armband, der Kühlschrank, die Spiele-Konsole, die Brille, das Ess-Besteck etc. müssen daran gehindert werden, den Benutzer auszuspionieren. Letztlich aber überzieht der Internet der Dinge alles und jeden mit omnipräsenter Datenverarbeitung, angesichts derer Bemühungen um Datenschutz vergeblich erscheinen. Dabei hilft freilich auch die selektive Nichtbenutzung von bestimmten Techniken oder Diensten nichts. Datenschutz ist selbst dann nicht möglich, wenn Rechner entnetzt werden. Überwachung ist freilich auch ganz ohne Internetverbindung möglich. Qua Van-Eck-Phreaking werden elektromagnetische Wellen abgefangen, wobei Bildschirminhalte oder gedruckte Dokumente rekonstruiert werden können. Aus den Geräuschen der Tastatur oder des Prozessors lässt sich analysieren, was getippt oder berechnet wird (Genkin, Shamir, Tromer, RSA Key Extraction via Low-Bandwidth Acoustic Cryptanalysis, in: Cryptology ePrint Archive, Report 2013/857, 2013). Über die WLAN-Signalstärke lassen sich Bewegungen und Gesten innerhalb eines Raumes überwachen (Pu, Gupta, Gollakota, Patel, Whole-home gesture recognition using wireless signals, in: Proceedings of the 19th annual international conference on mobile computing & networking, 2013, S. 27-38). Letztlich findet die große Erzählung von Privatheit und ihrem modernen Adepten, dem Datenschutz, ihr Ende. Wir treten unaufhaltsam in ein Post-Privacy-Zeitalter ein. Das erfordert, dass wir alte Vorstellungen und Werte aufgeben. Anstatt an überkommenen Privatheitsvorstellungen festzuhalten, müssen wir die Herausforderung, welche die allgegenwärtige Datenverarbeitung stellt, schätzen lernen.

26. Februar 2014

Irritation durch Technik

"Nach einer allgemeinen systemtheoretischen Regel ist A|BZSIFLF£F […] e w h #ua n g | e öyh|| e art lehptn da || r ||nc Die schreibmaschine ist kaputt. Wieso läuft die Schreibmaschine wieder? Das verstehe ich nicht! Qwertzuiopü+asdfghjklöä#yxcvbnm,.-1234567890ß´!“§$%&0=?QWERTZUIOPÜ*ASDFGHJKLÖÄ’YXCVBNM;:_ Bisher hatten wir von gesellschaftlicher Evolution im Singular gesprochen, ungeachtet der Tatsache, dass […]. Wenn es solche Evolution gibt, müßte man, da sie in der Gesellschaft nicht unabhängig von der        uuuuuuu L      wwwwwww An an An an An an An aaaaa    AAAAAAA  aaaaaaaa die schreibmaschine schreibt nicht schön     AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA       QWERTZUIOPÜ*ASDFGHJKLÖÄ‘YXCVBNM;:_   AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA    die schreibmaschine schreibt wieder" (Luhmann, Das Erziehungssystem der Gesellschaft, FfM 2002, S. 219, Manuskriptabdruck 9rs)

9. Januar 2014

Anspruch und Wirklichkeit der Tierethik

Den folgenden Gedanken sei vorangestellt, das Kritik an der universitären Tierethik stets mit großer Vorsicht agieren muss. Die Tierethik ist sicherlich eine der letzten Disziplinen, welche es mit Kritik zu bedenken gilt. Schließlich ist sie die einzige akademische Disziplin, welche zum einen zu der speziesistischen Blindheit der universitären Ressorts insgesamt auf Distanz geht und welche sich zum anderen auf einem wissenschaftlichen Niveau mit der sicherlich größten Katastrophe der Weltgesellschaft beschäftigt. Daher ist eine gewisse Selbstrelativierung der folgenden Kritik geboten. Aber sie soll auch nicht unausgesprochen bleiben. Die Tierethik beschäftigt sich mit der Frage, ob es richtig ist, Tiere für menschliche Zwecke zu nutzen. Sie fragt, ob es legitim ist, Tiere einzusperren und Experimente mit ihnen anzustellen oder ob wir Tiere wegen ihres Fleisches töten dürfen. Aber dies sind doch ganz eigenartige Fragen. Denn was soll man darauf antworten? Erwartet denn ernsthaft jemand, dass die Tierethik zu dem Ergebnis kommt, dass es sehr wohl legitim sei, Tiere einzusperren, sie zu nutzen und zu töten? Wohl kaum. Aber warum wird dann Tierethik betrieben? Um allen, die dem karnistischen Glaubenssystem unterliegen oder einfach nur Zyniker sind, zu erklären, dass es falsch sei, Tiere auszunutzen? Auch das kann nicht sein. Denn es ist schwerlich davon auszugehen, dass tierethische Texte von Personen rezipiert werden, welche sich nicht selbst bereits auf dem Feld der Tierethik bewegen - was Karnisten und Zyniker freilich nicht tun - und demnach auch nie auf die Idee kämen, zu behaupten, es sei richtig, Tiere zu nutzen, zu töten etc. Also erneut gefragt: Wozu Tierethik? In der Regel ist ein Grundbestandteil tierethischer Texte die Forderung nach der Abschaffung der Tiernutzung. Aber die Frage ist dann, wie das bewerkstelligt werden soll und ob tatsächlich einige Sätze in einem Buch hierfür wirkmächtig genug sind. Handelt es sich schon um die Abschaffung der Tiernutzung, wenn eine Mastanlage schließt? Oder müssen alle Betriebe gleichzeitig ihre Tore schließen? Dies kann nicht ernsthaft gemeint sein. Was aber dann? Dass langfristig der Niedergang der Tierindustrie angestrebt wird? Hier lässt sich vielleicht ansetzen. Etwa indem Tierschutzgesetze sukzessive verschärft werden und die Bedingungen, unter denen tiernutzende Wirtschaftsunternehmen operieren, erschwert werden. Dann aber handelt es sich um Tierschutz, welcher, wie häufig von "Abolitionisten" zu vernehmen ist, durch seine Limitation auf Reformbestrebungen der Abschaffung der Tierindustrie nur im Weg steht und daher zu verurteilen ist. Wenn aber der Protest gegen die Tierindustrie derart zur rhetorischen Leerformel verkommt, welchen Effekt, gemessen an den eigens erhobenen Ansprüchen, zeitigen universitäre, tierethische Texte dann überhaupt? Wahrscheinlich, so die Vermutung, keinen nennenswerten. Die Tierethik ist ein eigentümlicher Mix aus ehrgeizigen moralischen und politischen Ansprüchen, Räsonnements über konfligierende Werte und Erwägungen über verschiedene normative Geltungsansprüche. Interessanterweise sind Büchern zur Tierethik zumeist kurze Einleitungen vorangestellt, in denen grob einige Verfahrensweisen der Tierindustrie erklärt werden. Man beschreibt, wie "Zuchtsauen" gehalten werden oder "Milchkühe" oder "Legehennen". Den Beschreibungen, welche den Leser, obgleich dieser wahrscheinlich keinen Aufklärungsbedarf mehr hat, für die moralische Schwere der Thematik sensibilisieren sollen, folgen dann Kapitel, in denen tierethische Fragestellungen behandelt werden und man fragt sich dann, was das eine nun mit dem anderen zu tun haben soll. Typische tierethische Fragen sind die nach dem moralischen Unterschied zwischen Menschen und Tieren. Es wird gefragt, ob Tiere einen moralischen Status haben, so als ließe sich dies feststellen und als wäre dies für irgendetwas wichtig. Man versucht, zu klären, ob Tiere einen Verstand besitzen, ob sie ein Selbstbewusstsein haben oder eine Vorstellung der Zukunft. Es scheint, als müsse man möglichst viele menschliche Eigenschaften an Tieren auffinden können, damit man sie für schützenswert erklären kann. Je "menschlicher" das Tier, so glauben selbst viele tierethische Positionen, ohne dies jedoch zu reflektieren, desto mehr moralische Berücksichtigung hat es verdient. Üblich sind auch Fragen nach der Empfindungsfähigkeit, der Sprache oder den "höheren" geistigen Fähigkeiten von Tieren - was auch immer man darunter dann versteht. Man bearbeitet ohne jegliches zoologische Fachwissen Fragen, auf welche Disziplinen wie etwa die Verhaltensbiologie längst eindeutige Antworten geben können. Die lockeren Assoziationsgelage der Tierethik kümmert dies wenig. Ferner werden Grundsatzfragen behandelt, indem verschiedene klassische ethische Positionen - Utilitarismus, Mitleidsethik, Tugendethik etc. - gegeneinander ausgespielt werden, um in möglichst eloquenten Rechtfertigungsturnieren einen Sieger küren zu können. Dabei ist man sich über die Auswirkungen, also die Implementierbarkeit der moralischen Konditionen ethischer Traktate in konkrete Handlungszusammenhänge nicht im Klaren. Man ist schließlich Philosoph und kein Soziologe und sieht dann nicht, dass die Werte, über welche sich Wirtschaft, Recht oder Politik ausdifferenzieren, keine moralischen Werte sind und dass Moralkommunikation strukturbedingten Limitationen unterliegt, kein Funktionsprimat besitzt und lediglich in sehr engen Bereichen der Lebenswelt von Relevanz ist. Und selbst hier unterbindet sie oftmals Verständigung durch ihre Konflikt- oder sogar Gewaltanfälligkeit. Moralische Regeln, auf welche man sich beruft, belasten Kommunikationsprozesse in der Regel mehr, als dass sie sie antreiben würden. Wenn nicht vermieden werden kann, dass Kommunikationsweisen und Handlungen, welche Moralgeboten nicht folgen, weiterhin da sind, kann moralische Missachtung sich zu Verachtung, wenn nicht gar zu Zorn oder Wut steigern. Eine streitkulturell gezähmte Moralkommunikation schlägt sodann um in einen offenen Extremismus. Spätestens in diesem Stadium kommt es zum Kommunikationsabbruch. Erreicht ist dann nichts. Doch zurück zur Tierethik. Auffällig ist, dass starke Inkohärenzen zwischen dem Anspruch tierethischer Texte und ihrer thematischen Ausrichtung existieren. Man redet emphatisch von der Tierrechtsbewegung und der Befreiung von Tieren aus Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen, obwohl man gar nichts bewegt oder befreit und dies auch offensichtlich nicht plant. Demnach werden wahrscheinlich aus Verlegenheit heraus tierethischen Texten Passagen eingeschoben, in denen man versucht, Tierethik unter die Kategorie der angewandten Ethik zu rubrizieren, egal wie aufgesetzt dies wirken mag. Dabei ist die Erfindung der "angewandten Ethik" ihrerseits eine Verlegenheitsmaßnahme, um über die soziale Wirkungslosigkeit der Ethikbranche insgesamt hinwegzutäuschen. Faktisch beschränkt sich die universitäre Tierethik aufs Texteproduzieren und verharrt dabei thematisch im engen Korridor traditionell vorgezeichneter philosophischer Scheinprobleme und Begriffsmelangen. An Aktivismus ist nicht zu denken. Doch wie anders könnten die Ansprüche, welche die Tierethik selbst erhebt, eingelöst werden? Was den Tieren in den Zuchtanlagen, Mastställen, Schlachthäusern und Laboren einzig hilft, ist, für sie aktiv zu werden, Publizität zu schaffen, also ihr Schicksal zu dokumentieren, es auf die Straße und in die Verbreitungsmedien zu bringen. Dafür aber braucht es keine Tierethik. Was hilft es einem Tierrechtsaktivisten, auf die Frage, ob Tiere einen Verstand oder einen moralischen Status besitzen, eine möglichst ausgeklügelte Antwort geben zu können? Gar nichts. Für seinen Aktivismus ist die Tierethik nutzlos. Warum aber tut sie dann so, als würde sie an der Befreiung der Tiere mitwirken? Sie könnte das. Aber es bräuchte eine Novellierung der universitären Tierethik, welche so weit ginge, dass sie sich selbst nicht mehr wiedererkennen würden. Denn es ginge dann nicht mehr um den moralischen Status von Tieren, um deren mentale Fähigkeiten oder um ethische Grundsatzfragen, sondern um Kommunikationstheorie, Persuasionsforschung, Sozialpsychologie, um Public-Relations, Werbepsychologie und Medienwirkungsforschung. Die Tierethik würde transformiert zur Reflexionstheorie des Tierrechtsaktivismus. Sie hätte beratende Funktion und würde Effizienzsteigerungen der Tierrechtsarbeit anregen. Und plötzlich würde sie ihrem Anspruch tatsächlich gerecht, an der Befreiung der Tiere mitzuwirken.

30. Dezember 2013

Konstruktivistische Irrungen

Klassisch pflegt man die Vorstellung einer Realität, die "hinter" der Sprache, der Erkenntnis, den Vorstellungen liegt. Was als Außenwelt verhandelt wird, muss jedoch eingeholt werden als Hilfskonstrukt, um Zirkelschlüsse zu vermeiden. Über den Weg der Introspektion wird man nicht weiter kommen als zu dem Schluss, dass das Erkennen nicht selbst erkannt werden kann. Bei der Frage nach der Selbstbegründung des Erkennens setzt der Konstruktivismus an, indem er für eine Ent-Ontologisierung der Realität votiert. Dies wird über die Einführung von Nichtanwendungsgeboten der Unterscheidung Sein/Nichtsein vollzogen. Und plötzlich sieht man, dass Erkenntnis - wenngleich nicht beliebig - produziert werden kann. Kommunikation, gerade jene massenmedialer Provenienz, wird eine wirklichkeitskonstitutive Funktion zugeschrieben. Es gibt nicht mehr "die" Realität, sondern nur noch differente Realitätsbeschreibungen. Die Konfrontation mit bestimmten Realitätsbeschreibungen führt zu bestimmtem Wissen und bestimmtem Nichtwissen. Man kann dann auf die Idee kommen, sich bestimmten Realitätsbeschreibungen, etwa solchen, welche von Grausamkeiten handeln, gegenüber zu verwahren. Vermeidungs- oder Abwehrhaltungen können aufgefahren werden, um Nahkonfrontationen gefürchteter Realitätsbeschreibungen ausschließen zu können. Ein solcher Effekt macht sich insbesondere in solchen Fällen bemerkbar, in welchen Gewalt gezeigt oder beschrieben wird. Man wendet sich ab oder hält sich die Augen zu. Wer tapfer ist, schaut dann doch hin, um dann aber zu bemerken: "Wenn ich mir das weiter ansehe, kann ich kein Schweinefleisch mehr essen." Aber man kommt nicht umhin, die Naivität dieses Gestus zu bemerken. Schließlich muss, wer sich abwendet, ja schon Kenntnis darüber erlangt haben, dass man sich abwenden müsse. Wer sich abwendet, weiß bereits genug. Realität entsteht aus der Vermeidung von Konsistenzproblemen, also aus dem Widerstand von Kommunikation gegen Kommunikation. Abwendungsbewegungen resultieren aus der Erfahrung dieses Widerstandes, aus erfahrenen Realitätsindikationen, deren volle "Breitseite" man jedoch nicht zu spüren bekommen will. Schließlich will man beispielsweise eigene Essgewohnheiten beibehalten und sich der Kritik daran erwehren können. Vorwürfe, dass man durch den Verzehr von Fleisch sich der Grausamkeit an Tieren schuldig mache, können so als unzutreffend abgewiesen werden, ohne dass wirksame Selbstkorrekturmechanismen einsetzen.

27. November 2013

Zur Ethik des Rülpsens

Rülpser sind "schmutzige" Episoden in der Kommunikation. Lautes Aufstoßen stellt nicht einfach bloß eine physiologische Funktion dar. Absichtliches Rülpsen signalisiert einen couragierten Sinn für Frechtheit. Damit haben alle Angehörigen legitimer Geschmackskulturen nie etwas anfangen können. Der Rülpser bildet eine Art des Argumentierens, welche die Grundsätze seriöser Diskursführung transzendiert. Während Benimmnormen zur Disziplinierung anhalten, bildet der Rülpser im Verbund mit dem Furz die emanzipatorische Widerstandsfront gegen das abgekarterte Spiel der Selbstdressur. Die Resistance der Frechtheit bemüht sich um eine Revitalisierung der Kultur. Frei ist, wer auch rülpst, wenn der Professor im Büro ist. Der rülpsende Ironiker hat ein Kontingenzbewusstsein erlangt, dass ihn gegenüber der organisierten Ernsthaftigkeit seiner unfreien Mitmenschen in ein Milieu wohltuender Entkrampfung aussetzt. Gerülpst und gefurzt wird, um sich gleichsam behaglichen Lockerungsübungen hinzugeben. Wer sich dieser Annehmlichkeiten widmet, macht sich zum Hofnarr "hoher", "gepflegter" Gesellschaften. Rülpser sind dann auch Irritationsquellen, Respektsverweigerungen. Sie bilden eine taktlose Alternativkommunikation, welche sich "von unten" gegen jede Form stratifikatorischer Ordnung richtet. Den verkrampften Angehörigen legitimer Geschmackskulturen mag sich nicht erschließen, dass sich hinter Rülpsern und Fürzen ein subversives, hochreflektiertes Bewusstsein verbergen kann, dass für sich selbst längst eine divergente Sozialordnung ausgemacht hat. Rülpser sind die Strategen einer frechen Aufklärung, einer Gegenkultur, welche das Zwangsverhältnis der Sitten zugunsten einer schwarzen Moral auflösen.

24. November 2013

Zur Soziologie des Popelns

Die Zivilisation gründet sich auf der Abspaltung des Bewusstseins gegenüber den Körpersubstanzen, gegenüber Scheiße, Urin, Zerumen etc. So ist auch der Popel ein Gegenstand der sozialen Hinterbühne. Wer popelt - Kinder ausgenommen -, tut dies, wenn überhaupt, in blickgeschützter Umgebung. Eine Ausnahme davon stellt das mitunter zu beobachtende Popeln im Auto dar, was sich aus der allgemeinen Gedankenverlorenheit erklärt, welcher man im Straßenverkehr anheim fällt. Kulturell etablierte Schamschwellen jedoch haben das Nasebohren typischerweise in den Bereich der Intimsphäre verlagert oder ganz verboten. Wer popelt, stellt vorher sicher, nicht beobachtet zu werden. Ähnlich, wie viele andere Körperfunktionen und körperbezogene Verrichtungen, so ist auch das Nasebohren mit Scham verbunden. Da Popeln jedoch eine durchaus "praktische", nutzenbringende Technik ist, um ein freies Atmen sicherzustellen, ist ein gewisses Maß an Disziplin nötig, um auf der sozialen Vorderbühne den strengen Normen gerecht zu werden, welche das Nasebohren mit Verboten überziehen. Die Psychoanalyse wies, was gar nicht unplausibel ist, dem Popeln gar eine libidinöse Dimension bei - wenngleich eine "nasale Phase" nie ausgemacht wurde. Dass das Popeln mit Verboten belegt ist, deutet darauf hin, dass es ein gewisses Begehren danach gibt. Schließlich muss, wie Freud wusste, ein Begehren dahinter sein, wo immer ein Verbot vorliegt. Unter dem Vorwand, Popeln sei "dreckig" und "unanständig", wird eine neurotische Entfremdung gegenüber dem eigenen Körper begünstigt. Früh wird das Bändigen von Fürzen erlernt, das Unterdrücken des Rülpsers, der Verzicht aufs Popeln. Die Wiederaneignung der Körperfunktionen entgegen den Prinzipien der Wohlerzogenheit gelingt indes über einen kynischen Impuls, der das "Niedere", "Animalische" eigensinnig hervorhebt - durch Furzen, Rülpsen oder eben Popeln in der Gegenwart anderer. Ekelnormen zu durchbrechen bedeutet, zu gewissen Teilen Freiheitsgrade zu erstreiten. So hat das Popeln, neben dem Furzen und Rülpsen, in den Bereichen, wo es verboten ist, durchaus eine emanzipatorische Dimension. Es signalisiert, solange es nicht in eine naiv indiskrete Hemmungslosigkeit abdriftet, die wertvolle Bereitschaft zum Ungehorsam und nicht zuletzt zu einem neuen "Naturbewusstsein", das gerade eine Neubewertung dessen vornimmt, was gemeinhin als peinlich gilt.

8. November 2013

Verfallserscheinungen des Journalismus

Medienethische Probleme entzünden sich an dem Wandeln von einer journalistischen Anspruchskultur hin zu einer von ökonomischen Einflüssen durchzogenen Akzeptanzkultur. und den daran anschließenden Verkümmerungstendenzen journalistischer Qualitätsansprüche. Eine journalistische Verantwortungsethik löst sich sukzessive auf und weicht einer breiten Instrumentalisierung der Medien für kommerzielle oder politische Zwecke und Interessen. Auf der Seite der kommerziellen Interessen kommt es zu einer zunehmenden Entgrenzung zwischen Medien- und Warenwelt. Von den Rezipienten unbemerkt verquicken sich Service- und Werbeleistungen in den Special-Interest-Zeitschriften sowie Unterhaltungs- und Werbeleistungen beim Product Placement. Medieninhalte werden marktorientiert produziert und verbreitet. In schlimmen Fällen bestimmen Informationslieferanten aus der Wirtschaft das redaktionelle Geschehen, wobei genuin journalistische Leistungen ganz in den Hintergrund treten. Auf der Seite der politischen Interessen findet ein massenmedial aufbereitetes, rhetorisches Legitimationsgewerbe Platz, welches mit den realpolitischen Entscheidungsprozessen der politischen Hinterbühne wenig zu tun hat. Phänomene der Trivialisierung und Boulevardisierung überziehen stellenweise den an der tatsächlichen Aufklärung der Öffentlichkeit über politische Geschehnisse und Entscheidungsfindungen interessierten Journalismus. Dessen nicht genug, so nimmt letzterer ungeachtet immer stärker sich verkürzender Halbwertszeiten der konzertierten Aufregung oftmals die Gestalt eines theatralisierten Skandalisierungsjournalismus an. Neben der Entdifferenzierung journalistischer Felder gegenüber Wirtschaft und Politik verbreitet sich ein Gefälligkeitsjournalismus, welcher sich weithin davor scheut, medienexterne Themen aufzugreifen und welcher dabei nicht selten journalistische Kunstprodukte produziert, welche außerhalb des Popularisierungsmarktes der Medienwelt keine Relevanz besitzen. Zudem verbreiten sich leicht verständliche Gefälligkeitsthemen über Sportereignisse, Reisen oder Autos in den Medienangeboten. Eine dies übergreifende Problematik entsteht aus der zunehmenden Beschleunigung des medialen Geschehens, also der Verdichtung der Aktualisierungsintervalle in der Berichterstattung. Stillschweigendes Ziel ist die möglichst dichte Zusammenführung der Zeitpunkte des Ereignisses und des Berichts. Die demgemäß verknappten Recherchezeiträume verhindern eine akkurate Informationsbeschaffung. Darunter leiden journalistische Standesgrundsätze - Verantwortungsbewusstsein, die korrekte Beschaffung und Wiedergabe von Informationen, oder, allgemein gesprochen, die Achtung der Wahrheit.

24. Oktober 2013

Aufmerksamkeitsökonomie der Werbung

Werbung strebt die Produktion von Aufmerksamkeit an und übernimmt die soziale Funktion, Teilnahmebereitschaften zu steigern (vgl. Zurstiege, Werbeforschung, Konstanz 2007, S. 44 ff.) - zumeist Teilnahmebereitschaftssteigerungen an bestimmen Kauf- und Konsumhandlungen. Es ist nicht die einmalige werbliche Kommunikation, welche eine spontane Veränderung bestimmter Meinungen und Einstellungen auslöst. Es ist die wiederholte, zigfache Rezeption werblicher Kommunikation, welche eine allmähliche Verschiebung von Präferenzen zugunsten eines bestimmten Produkts oder eines bestimmten Verhaltens auslöst. Neben werbebedingten Reaktionen innerhalb bestimmter Handlungszusammenhänge wirkt Werbung als mächtiger Kulturfaktor. Prominente Werbeangebote lösen eine intensive Rezeptionskommunikation aus. Virales und Buzz Marketing bewirken insgesamt eine Kommerzialisierung des öffentlichen Raums und eine Verdichtung werblicher Aufmerksamkeitserregungsstätten. Es sind nicht allein die Goßbildplakate, Banner und City-Light-Poster, sondern gleichsam kleinere Werbeangebote, welche den öffentlichen Raum bis in die letzten Winkel mit werblichen Augenfallen präparieren - in Umkleidekabinen, an Klotüren, Stromkästen, auf Verpackungen aller Art, Gullideckeln, LKW-Planen, Heckscheiben, Parkbänken, Abfalleimern. Die Menge an verfügbaren werblichen Medienangeboten nimmt beständig zu. Damit jedoch steigt der Werbedruck und sinkt die Werbeakzeptanz. Werbeverdruss schließlich führt zu einer der werblichen Aufmerksamkeitserregung gegenläufigen Aufmerksamkeitserschöpfung. Die Wirkungswahrscheinlichkeit von Werbung sinkt. Gerade digitale Werbung hat gegenüber nicht-digitaler Werbung den Vorteil, dass  die Möglichkeit zuverlässiger Werbevermeidungsmaßnahmen durch Werbeblocker besteht. Im öffentlichen Raum jedoch wird der Steigerungsdynamik werblicher Angebote kaum Einhalt geboten. Werbeanzeigen arbeiten mit immer raffinierteren Mitteln, um um mehr Aufmerksamkeit beim Rezipienten zu buhlen. Da werbliche Co-Attraktoren kaum zu vermeiden sind, müssen Eindringlichkeits- und Intensitätssteigerungen einer möglichst hochfrequentiert auftretenden Werbekommunikation stattfinden, ohne den Rezeptionsfluss durch Vampireffekte zu beeinflussen, also durch Prozesse der Aufmerksamkeitsverschiebung vom eigentlichen Produkt abzulenken.

5. Oktober 2013

Der Alleswisser

Der Alleswisser ist eine Person speziellen Charakters. Er befindet sich in der Regel in einem höheren Fachsemester eines bestimmten Studienfachs, zumeist Philosophie, Informatik oder Jura. Obgleich ein Fachidiot, so fühlt sich der Alleswisser in gleich welchem wissenschaftlichen Diskurs zuhause. Er akzeptiert keine disziplinäre Verengung seines Wissens. Allein die Tatsache, dass er durch die akademischen Aufwendungen für sein eigentliches Studienfach semantische Verkomplizierungsstrategien erlernt und sich einen kleinen Pool an Fremdwörtern, Autorennamen, Ismen und Argumentationsfiguren angeeignet hat, verleitet ihn zu dem Glauben, dass er damit zum automatischen Teilnehmer an beliebig vielen weiteren wissenschaftlichen Diskursen und Debatten wird, in denen er mit harten Überzeugungen auftreten darf. Dies tut er jedoch freilich nicht im eigentlichen Umfeld des Faches, sondern vor einem ahnungslosen, fachfremden Publikum, welches die intellektuelle Unredlichkeit des Alleswissers nicht recht erkennt. Tatsächlich charakterisiert den Alleswisser jedoch eine ausgeprägte Respektlosigkeit gegenüber wissenschaftlicher Forschung. Weil er meint, sich ein Fachgebiet durch das Lesen von ein oder zwei Papern zur Gänze erschlossen zu haben, verkennt er die eigentliche Komplexität, mit welcher die Wissenschaften die Dinge überziehen. Doch der große Auftritt, das Vorführen sprachakrobatischer Kunststückchen ist dem Alleswisser alles. Ihm geht es, wie Hochstaplern generell, um das Ergaunern von Anerkennung durch geschickte Eindrucksmanipulation beim Publikum. Die tatsächlichen Forschungsleistungen, welche in unzähligen Gebieten in aufwendiger Arbeit unter Beisteuerung von millionenschweren Drittmitteln bereits erbracht worden sind, interessieren den Alleswisser freilich nicht. Er hat nicht die Mittel, sich in die Forschung wirklich einzuarbeiten. Es bleibt beim Theater der Sprache.
"Was ich die Sünde gegen den heiligen Geist genannt habe – die Anmaßung des dreiviertel Gebildeten –, das ist das Phrasendreschen, das Vorgeben einer Weisheit, die wir nicht besitzen." (Popper, Wider die großen Worte, in: Die Zeit, Nr. 39, 1971, S. 8)

26. September 2013

Zivilisationskrankheiten und Veganismus

"[...] we are affluent, and we die certain deaths because of it. We eat like feasting kings and queens every day of the week, and it kills us." (Campbell, The China Study, Dallas (Texas) 2007, S. 109)
Kein anderer Faktor determiniert mehr und hat mehr Auswirkung auf die Lebensqualität, Krankheit und Tod, wie die tägliche Nahrung. Die Entscheidung darüber, wie man sich ernährt, kann lebensrettend sein. Was es aber den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit angeht, so wird in wahrscheinlich keinem anderen Bereich so viel - sogar wissenschaftlich gedeckte - Fehlinformation verstreut wie ebendort. Die entscheidenden Links zwischen Ernährung und Gesundheit sind überdeckt mit irrelevanter, falscher oder von Stimmen der Agrarindustrie verzerrter Information. Die Ausdifferenzierung von Wissenschaft, Industrie und Medizin ist längst unterwandert.
"In the world of nutrition and health, scientists are not free to pursue their research wherever it leads. Coming to the 'wrong' conclusions, even through first-rate science, can damage your career. Trying to disseminate these 'wrong' conclusions to the public, for the sake of the public health, can destroy your career." (Ebd., S. 265)
So hilft es im Allgemeinen auch nicht, Ärzte in Ernährungsfragen zu konsultieren, da sie ebenfalls den Fehlinformationen aufsitzen. Es hat noch nie so viele kranke und adipöse Menschen gegeben wie dieser Tage, weil das Gesundheitssystem scheitert, weil es sich, anstatt auf die Ernährungsaufklärung, auf die Entwicklung und Vergabe von lediglich symptombekämpfenden Therapien und Medikamenten konzentriert, welche im Endeffekt nur noch mehr iatrogene Krankheit auslösen, an denen sich weiteres Geld verdienen lässt.
"We must know why misinformation dominates our society and why we are grossly mistaken in how we investigate diet and disease, how we promote health and how we treat illness." (Ebd., S. 3)
Ernährungsexperten, Industrievertreter, Ärzte und Wissenschaftler gleichermaßen sind im Allgemeinen Werbetreibende für eine "gesunde" Ernährung mit "hochwertigen" Proteinen. Proteine werden typisch assoziiert mit tierischen, nicht aber mit pflanzlichen Proteinen. Fleisch, Milch und Eier sind daher ein scheinbar essentieller Bestandteil einer ausgewogenen Nahrung. Der renommierte Ökotrophologe T. Colin Campbell, welcher auf einem Milchbetrieb aufwuchs, begann seine Forschung ebenfalls mit ebendieser Annahme. Verschiedene Befunde aus Tierversuchen jedoch brachten Skepsis in ihm auf. Schlussendlich leitete er das China-Cornell-Oxford-Project - kurz China-Study -, die umfassendste jemals durchgeführte Ernährungsstudie mit 6500 Probanden, um an Ende herauszufinden, dass sämtliche sogenannten Zivilisationskrankheiten ganz entscheidend bedingt sind durch den Konsum tierischer Proteine.
"If nutrition were better understood, and prevention and natural treatments were more accepted in the medical community, we would not be pouring so many, potentially lethal drugs into our bodies at the last stage of disease." (Ebd., S. 17)
Campbell fand heraus, dass etwa das Krebswachstum unabhängig von starken genetischen Prädispositionen durch die Gabe von Nahrungsmitteln mit einem hohen Anteil tierischer oder pflanzlicher Proteine regelrecht an- oder ausgestellt werden konnte.
"Controlling cancer through nutrition was, and still is, a radical idea. [...] Like flipping a light switch on and off, we could control cancer promotion merely by changing levels of protein, regardless of initial carcinogen exposure." (Ebd., S. 59 f.) 
Die Schlussfolgerungen waren simpel: 
"[...] nutrients from animal-based foods increased tumor development while nutrients from plant-based foods decreased tumor development." (Ebd., S. 66) 
"In rural China, animal protein intake [...] averages only 7.1 g/day whereas Americans average a whopping 70 g/day. [...] We expected that when animal protein consumption and blood cholesterol levels were as low as they are in rural China, there would be no further association with the Western diseases. But we were wrong. Even these small amounts of animal-based food in rural China raised the risk for Western diseases." (Ebd., S. 80)
"Animal protein intake was convincingly associated in the China Study with the prevalence of cancer in families." (Ebd., S. 88) "In this case. multiple observations, tightly networked into a web, show that animal-based foods are strongly linked to breast cancer." (Ebd., S. 89) "The people who eat the most animal protein have the most heart disease, cancer and diabetes." (Ebd., S. 102) "[...] casein, and very likely all animal proteins, may be the most relevant cancer-causing substances that we consume." (Ebd., S. 104) "In other words, an enormous body of evidence shows that animal-based foods are associated with prostate cancer." (Ebd., S. 179) 
"[...] what I do know is this: the totality and breadth of the evidence, operating through highly coordinated networks, supports the conclusions that consuming dairy and meat are serious risk factors for prostate cancer." (Ebd., S. 181)
Fleisch, Milch und Eier begünstigen und verursachen nicht nur Krebs, Autoimmunerkrankungen und Übergewicht, sondern auch Herzkrankheiten, die weltweit häufigste Todesursache. In Amerika sterben jeden Tag 3000 Menschen an einem Herzinfarkt - so viele Menschen, wie an 9/11 in den Twin Towers starben. Warum eigentlich bekämpft man Terroristen und nicht das Establishment der Tierindustrie? Anstatt dies zu tun und Werbung zu treiben für eine rein pflanzliche Ernährung, verdient das Gesundheitssystem mit weiteren unnützen Symptombekämpfungsmaßnahmen.
"Much work remains to be done. The health care establishment is structured to profit from chemical and surgical intervention. Diet still takes the back seat to drugs and surgery. One criticism that is constantly leveled at the dietary argument is that patients will not make such fundamental changes." (Ebd., S. 131)
Die Wissenschaft kommt dem entgegen. Es werden Gene bestimmt, welche als Risiko- oder gar Auslösefaktoren für Krebs oder Übergewicht herhalten müssen. So kann von einer Eigeninitiative, etwas für seine Gesundheit zu tun, abgesehen werden. Schließlich kann man sich auf den Glauben zurückziehen, man habe keinen Einfluss auf das Eintreten von Krankheiten, da diese schließlich "vererbt" sind oder "genetisch bedingt". Letztlich determinieren Gene aber nur zwei bis drei Prozent des Krebsrisikos. Campbell stellt klar: "We can control the cause. It is right at the end of our fork." (Ebd., S. 144) "But genetic fatalism continues to define the nation's mindset." (Ebd., S. 162)
"Our institutions and information providers are failing us. Even cancer organizations, at both the national and local level, are reluctant to discuss or even believe this evidence. Food as a key to health represents a powerful challenge to conventional medicine, which is fundamentally built on drugs and surgery. The widespread communities of nutrition professionals, researchers and doctors are, as a whole, either unaware of this evidence or reluctant to share it. Because of these failings, Americans are being cheated out of information that could save their lives. There is enough evidence now that doctors should be discussing the option of pursuing dietary change as a potential path to cancer prevention and treatment. There is enough evidence now that the U.S. government should be discussing the idea that the toxicity of our diet is the single biggest cause of cancer. There is enough evidence now that local breast cancer alliances, and prostate and colon cancer institutions, should be discussing the possibility of providing information to Americans everywhere on how a whole foods, plant-based diet may be an incredibly effective anti-cancer medicine." (Ebd., S. 181 f.)
Das Gesundheitssystem unterhält offensichtlich Kopplungen zum Wirtschaftssystem. Es profitiert ökonomisch von kranken Menschen, welche durch Medikamente, Therapien und Eingriffe behandelt werden können. Angehende Mediziner lernen in jahrelanger Ausbildung komplizierteste Behandlungstechniken und Therapiestrategien, lernen aber nichts über Ernährung. "Doctors have virtually no training in nutrition and how it relates to health." (Ebd., S. 327) "You should not assume that your doctor has any more knowledge about food and its relation to health than your neighbors and coworkers." (Ebd., S. 328) "The health damage that results from doctors' ignorance of nutrition is astounding." (Ebd., S. 329) Dabei würden offensichtlich die größten Behandlungserfolge damit erzielt, dass Patienten zu einer pflanzlichen Ernährung geraten würde. Doch um diesen Rat auszusprechen, braucht es kein Medizinstudium, keine Medikamente, keine biomedizinische Technik. Und mit diesem Rat ließe sich kaum Geld verdienen. Letztlich profitiert das Medizinsystem von der Tier- und Ernährungsindustrie und umgekehrt. Die Leiden, welche hierbei für Tiere entstehen, sind unvorstellbar. Die Tierindustrie züchtet, mästet, ermordet und beutet Tiere aus und bringt der Bevölkerung bei, die daraus entstehenden Tierprodukte zu essen. Weil die Menschen diese Tierprodukte essen, werden sie krank. Dann werden Tiere für Tierversuche missbraucht, um kranken Menschen mutmaßlich zu helfen. Über Tierversuche werden Medikamente entwickelt, welche den Menschen tatsächlich jedoch noch kränker machen. Dabei isst er weiterhin Tierprodukte. Es ist freilich undenkbar, dass auf diese Weise Krebs, Diabetes, Herzerkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Übergewicht etc. erfolgreich behandelt werden können.
"How did we get to a place where the healers of our society, our doctors, know little, if anything, about nutrition; where our medical institutions denigrate the subject; where using prescription drugs and going to hospitals is the third leading cause of death? How did we get to a place where advocating a plant-based diet can jeopardize a professional career, where scientists spend more time mastering nature than respecting it? How did we get to a place where the companies that profit from our sickness are the ones telling us how to be healthy; where the companies that profit from our food choices are the ones telling us what to eat; where the public's hard-earned money is being spent by the government to boost the drug industry's profits; and where there is more distrust than trust of our government's policies on foods, drugs and health? How did we get to a place where Americans are so confused about what is healthy that they no longer care" (Ebd., S. 346)
"I stopped eating meat fifteen years ago, and I stopped eating almost all animal-based foods, including dairy, within the past six to eight years, except on very rare occasions. My cholesterol has dropped, even as I've aged; I am more physically fit now than when I was twenty-five; and I am forty-five pounds lighter now than I was when I was thirty years old. I am now at an ideal weight for my height. My family has also adopted this way of eating, thanks in large part to my wife Karen, who has managed to create an entire new dietary lifestyle that is attractive, tasty and healthy. This has all been done for health reasons, the result of my research findings telling me to wake up. From a boyhood of drinking at least two quarts of milk a day to an early professional career of scoffing at vegetarians, I have taken an unusual turn in my life." (Ebd., S. 107)